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.: Helga Ilgenfritz
1. Warum kandidieren Sie für den Bezirkstag?
Durch meine jahrzehntelangen ehrenamtlichen Tätigkeiten im sozialen und vor allem im kulturellen Bereich kam ich mit den Aufgabenstellungen des Bezirks in Berührung und habe mich daraufhin eingehend mit den sich daraus ergebenden Tätigkeitsfeldern befasst.
Es erstaunte mich zunächst und macht mich fast wütend, dass über ein Bezirks-Haushaltsvolumen von aktuell 417,2 Mio. € im Sozialbereich, 6,3 Mio. € im Kulturbereich und 4,8 Mio. € für Fischereiwesen, Naturpflege und Gewässerschutz in lediglich vier bis fünf Plenarsitzungen des Bezirkstags pro Jahr entschieden wird. Natürlich gibt es noch einige Ausschuss-Sitzungen, dennoch zeigt die geringe Anzahl der Plenarsitzungen jedoch den geringen Stellenwert, den der Bezirkstag in der Politik der CSU-Mehrheitsfraktion einnimmt, auf. Die Gefahr, dass die Existenzberechtigung des Bezirkstages allein wegen dieser geringen Anzahl der Plenarsitzungen einmal in Frage gestellt werden könnte, besteht durchaus und kann irgendwann - das Beispiel der Auflösung des Bayerischen Senats vor einiger Jahren lässt grüßen -, Realität werden. Einer solchen etwaigen Entwicklung kann nur mit einer für alle Bürgerinnen und Bürger transparent und glaubwürdig vermittelten Arbeit des Bezirkstages entgegengetreten werden. Die Aufgaben des Bezirks sind zu wichtig als dass sie quasi zwischen „Tür und Angel“ bei vier Sitzungen im Jahr abgewickelt werden können. Die überschaubare Zahl von nur 26 Bezirksräten würde überdies eine laufende, wenigstens monatlich einzuhaltende Sitzungsarbeit - also 12 Sitzungen im Jahr - unschwer ermöglichen.
Dankbar nehme ich zur Kenntnis, dass die SPD-Fraktion trotz ihrer wenigen Sitze einige Akzente setzen konnte.
Die gegenwärtige Sitzverteilung im Bezirkstag Schwaben:
18 Sitze CSU
4 Sitze SPD
2 Sitze FWG
2 Sitze Die Grünen
Ein glaubwürdiger, „beschlussfassender“ Umgang mit Haushaltsmitteln des Bezirks in der vorstehend genannten Höhe ist auch und gerade wegen der Herkunft der Mittel, die aus der Bezirksumlage der Städte und Gemeinden und aus dem Landeshaushalt kommen, besonders wichtig.
Der Bezirk Schwaben hat über 3.300 Beschäftige, mehr als 20.000 Menschen erhalten jährlich unmittelbare Leistungen des Bezirks. Allein für Menschen mit Behinderungen werden jedes Jahr ungefähr 200 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Der Einsatz für die Benachteiligten unserer Gesellschaft über sachgerechte Entscheidungen des Bezirkstages, war daher für meine Kandidatur ausschlaggebend.
Der Bezirk ist insbesondere auch für das Thema Kultur und für die kulturelle Jugendarbeit zuständig. Dies war - aufgrund meiner bisherigen und laufenden ehrenamtlichen Betätigungen - ein weiterer wichtiger Punkt, im Bezirkstag mit gestaltend tätig zu werden zu können.
Als dritte kommunale Ebene nach den Gemeinden als erster Ebene, den Landkreisen, bzw. den kreisfreien Städten als zweite Ebene, repräsentiert der Bezirk die Mittelstufe der kommunalen Selbstverwaltung. Ffür mich als Stadträtin der kreisfreien Stadt Kaufbeuren ist die Arbeit in dieser dritten Ebene der kommunalen Selbstverwaltung ebenfalls von großer Bedeutung.
An dieser Stelle erscheint es wichtig, einmal darauf hinzuweisen, dass der „Bezirk Schwaben“, repräsentiert durch den Bezirkstag nicht verwechselt werden darf ist mit dem ähnlich klingenden Namen der „Regierung von Schwaben“, die vornehmlich eine administrativ-aufsichtliche Funktion für die kreisfreien Städte und die Landkreise als eine Art „Unterbehörde“ der Landesregierung wahrnimmt. Sämtliche Bedienstete der Regierung von Schwaben- auch der Regierungspräsident selbst – werden staatlicherseits ernannt, die 26 Mitglieder des Bezirkstages hingegen werden gewählt und sollen dabei einen Gestaltungsauftrag erfüllen.
2. Was möchten Sie in den nächsten fünf Jahren, sofern Sie gewählt werden, für junge Menschen im Bezirk Schwaben erreichen?
Durch einen Autounfall im Bekanntenkreis, bei dem ein junges Mädchen eine Gehirnschädigung erlitten hat, wurde ich darauf aufmerksam, dass es für Jugendliche und junge Erwachsene im Bereich des Bezirks Schwaben kaum Möglichkeiten gibt, diese Menschen im Kreis von gleichaltrigen Schicksalsgenossen betreut unterzubringen. Die Betroffenen werden oft in Pflegeheime oder Altersheime regelrecht „abgeschoben“. Ich möchte folgendes Modellprojekt auf den Weg bringen: ein Heim für junge Menschen, in denen die Betroffenen trotz ihrer Behinderung ein familiäres Umfeld beibehalten können, gefördert werden und sich in Geborgenheit aufgehoben fühlen und nicht „abgeschoben“ sind.
Der Bezirk ist zuständig für die Bereiche Schulen, Jugend und Bildung, beispielsweise auch für das Förderzentrum Augsburg, für die Berufsfachschule für Musik in Krumbach, für die Zusammenarbeit mit dem Bezirksjugendring Schwaben, für die Jugendbildungs- und Begegnungsstätte Babenhausen, für das Schwäbische Jugendsymphonieorchester und für die Ausbildung im Pflegebereich beim Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren. Der Jugend-Kulturbereich ist ein großes Anliegen und ich meine, dass man hier auch in gezielter Form eine Förderung der Jugendlichen erreichen kann. Auch und gerade im immer wichtiger werdenden Bereich der Integration ist die Kultur und deren Austausch eine geeignete Möglichkeit, den Jugendlichen Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl zu vermitteln und dabei gleichzeitig Partnerschaften stärker zu fördern. Das Thema „Kultur“ hat m. E. sogar eine Art Schlüsselfunktion für das gesamte Thema der „Integration“, denn: Ohne gegenseitiges kulturelles Verständnis wird die Integration nicht gelingen. Das gegenseitige „Miß-Verständnis“ der Kulturen, das in den Städten und Gemeinden immer noch anzutreffen ist, stellt die große Aufgabe und Herausforderung des Bezirkstages für die nächsten Jahrzehnte dar.
Eine weitere Aufgabe des Bezirks wäre im immer wichtiger werdenden Bereich der „Europäischen Partnerschaften“ zu erkennen, beispielsweise im Rahmen der Vermittlung zeitgenössischer Kunst, Unterstützung von Festivals mit grenzüberschreitender Wirkung, Jugendleiter-Tagungen, grenzüberschreitende Sportturniere, Schulpartnerschaften.
Eine neue Idee aus Kaufbeuren – die es hier schon seit 1978 gibt:
Menschen aus 5 Erdteilen wohnen in deutschen Städten und Gemeinden ständig zusammen – die Stadtolympiade Kaufbeuren als Vorbild
Dieser Erkenntnis liegt die von mir 1978 mit gegründete Stadtolympiade Kaufbeuren mittlerweile zugrunde: Die 5 olympischen Ringe symbolisieren die 5 Erdteile, deren Menschen in Städten und Gemeinden ständig zusammenleben. Wenn man so will: Die olympische Idee ist als ständige integrative Idee in allen Städten und Gemeinden – mit Sport- und Kulturwettbewerben aller Art… zu verstehen.
Die (stadt-)olympische Idee schafft ein breites Betätigungsfeld, das für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen wirksam werden kann. Leider ist es immer noch so, dass das mögliche Aufgabenfeld des Bezirkstages in der Bevölkerung bisher weitgehend unbekannt geblieben ist. Daher ist es auch meine Aufgabe, über meine Kirchengemeinde, an die Jugendverbände heranzutreten um diesen die Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sinnvolle Jugendarbeit mit der Unterstützung des Bezirkes organisiert werden könnte.
3. Welche Rolle spielen für Sie die Tätigkeiten der schwäbischen Jugendverbände und des Bezirksjugendring Schwaben?
Die Jugend bedeutet für mich die „Zukunft der Gesellschaft“ überhaupt. Das Engagement von Jugendlichen in Jugendverbänden zeigt immer noch deren vitales Interesse an unserer Gesellschaft und am Fortbestand des gesamten Gemeinwesens. Die Tätigkeit der schwäbischen Jugendverbände unter dem Dach des Bezirksjugendrings werden immer dringender notwendig in einer immer breiter werdenden multikulturellen Gesellschaft. Wir brauchen all diese Organisationen um die Jugendlichen aus allen Ländern, die sich bei uns aufhalten, in unsere Gesellschaft zu integrieren und nicht auszugrenzen. Damit können wir auch die Entstehung von sog. Parallelgesellschaften (ein schreckliches Wort eigentlich) verhindern. Die Ausgabenkürzungen im Jugendbereich, die in jüngster Zeit bekannt wurden, setzen ein gänzlich falsches Signal und bedeuten das Gegenteil dessen, was eigentlich notwendig wäre, nämlich ein verstärktes Engagement der öffentlichen Hand auf allen Ebenen der Jugend- und Sozialarbeit…!
4. Waren Sie selbst in der Jugendarbeit (bzw. in der Evangelischen Jugend) aktiv und wenn ja welche Erfahrungen haben Sie aus diesem Engagement mitgenommen?
Meine ersten Erfahrungen in der Jugendarbeit habe ich in der damaligen ÖTV- und der DGB-Jugend gemacht. Mit meinem Engagement bei den Jusos ab 1974 sammelte ich meine ersten politischen Erfahrungen. Zu dieser Zeit gab es Berührungsebenen mit der Evangelischen Jugend in Kaufbeuren und mit der Christlichen evang. Pfadfinderschaft VCP. Mit dem Eintritt meines ersten Kindes in den evang. Kindergarten habe ich begonnen, mich im sozialen und schulischen Bereich für die Belange von Kindern einzusetzen. Während meiner Zeit als Elternbeiratsvorsitzende im evang. Kindergarten und später in der Schule sowie kurzzeitig als Gesamt-Elternbeiratsvorsitzende der Schulen in Kaufbeuren, habe ich immer versucht, Eltern und Kinder für gemeinsame Aktionen für die Schule zu begeistern (z. B. Organisation vieler Schulfeste, div. Basare u. dgl.).
Als unsere Tochter konfirmiert wurde, bekam ich den ersten Kontakt mit dem Jugenddiakon unserer evang. Kirchengemeinde. Seit diesem Zeitpunkt nehme ich an allen Kinderkirchentagen, Kinderbibelwochen und vielen anderen Aktionen aktiv und gestaltend teil.
Auch über mein weiteres ehrenamtliches Engagement leiste ich aktive Kinder- und Jugendarbeit: Im Rahmen von Stadtführungen vermittle ich Geschichte und Stadtgeschichte, Sagen und Erzählungen entsprechend der jeweiligen Altersgruppe der teilnehmenden Kinder und Jugendlichen. Meine Kinder- und Jugendführungen werden häufig von Schulklassen und Kindergartengruppen angefordert.
Als Mitglied des Stadtrates in Kaufbeuren bin ich in der Arbeitsgemeinschaft für die Integration junger Migranten tätig.
5. Welche Rollen spielen christliche Werte bei Ihren politischen Entscheidungen?
Grundsätzlich ist zu sagen, dass unser Grundgesetz und unsere Bayerische Verfassung auf christlichen Werten basiert. So meine ich, sollten auch und gerade bei jedem Politiker - auf welcher Ebene auch immer - christliche Werte mit ihren allerdings universellen Wirkungsgraden selbstverständlich sein.
Aus innerer Überzeugung engagiere ich mich vielfältig in der evangelischen Kirchengemeinde und durch das weitere, darüber hinaus gehende umfangreiche ehrenamtliche Engagement, tritt mein ideeller Einsatz für die Mitmenschen ständig und vielfältig in Erscheinung.
Ich bin seit jeher eine absolute Pazifistin und möchte meinen Kindern Gottes Schöpfung, die vielleicht durch die vielen weltweiten kriegerischen Auseinandersetzungen und durch die Umweltverschmutzung und den Klimawandel noch nie so bedroht war wie heute, so heil wie möglich erhalten. Auch der Bezirkstag von Schwaben hat im Bereich des Umwelt- und Naturschutzes Zuständigkeiten, die es noch besser als bisher zu erkennen gilt. Umwelt- und Naturschutz ist weltweit das große grenzüberschreitende Thema, welches aufzeigt, dass die Menschheit nur überleben kann, wenn sie die Probleme, die sich aus dem Klimawandel ergeben, friedlich löst. Genau so ist es mikrokosmisch in den Städten, Gemeinden und Landkreisen: Der Naturschutz ist nur ohne Rücksicht auf Stadt-, Gemeinde- und Landkreisgrenzen wirksam zu leisten, d. h.: Der Bezirkstag von Schwaben kann und soll auch hier verstärkt den grenzüberschreitenden Umwelt- und Naturschutz zu seiner Aufgabe erklären…!
Alle meine Ausführungen und noch viel mehr erwachsen meiner Grundeinstellung und diese wiederum beeinflusst meine politischen Entscheidungen der Gegenwart und der weiteren Zukunft.

